Jörg

Unsere erste 12-Stunden-Wanderung, keine halbe Sache!

August 4th, 2017 by Jörg · Keine Kommentare

Im letzten Jahr, bei der 24-Stunden-Wanderung am Bodensee, habe ich Kathrin kennen gelernt. Mit vier Freunden hatte sie damals an unserer ersten Bodensee-Wanderung teilgenommen. Bei einem sehr unterhaltsamen Gespräch in der Nacht gab sie mir unbeabsichtigt die Idee für eine 12-Stunden-Wanderung. Bei der Online-Recherche nach einer Nachtwanderung hatte ihr Google unsere 24-Stunden-Wanderung ausgespuckt und sie hat sich angemeldet. Gut, denke ich mir, 24-Stunden sind etwas länger als eine Nacht, die Anstrengungen etwas größer, die Herausforderung eine andere. Aber die Idee ist gut. Warum sollten wir nicht auch eine 12-Stunden-Wanderung durch die Nacht anbieten? Gesagt getan, die Idee war geboren. Mein Team war sofort von der Idee begeistert und eine Strecke war im Handumdrehen gefunden. Vom Münstertal aus soll es über den Schauinsland zum Belchen und hinunter nach Schönau ins Wiesental gehen. Ein Heimspiel für uns Hinterwälder.

In gewohnter Routine gingen wir an die Planungen, wählten sorgfältig die schönsten Wege aus,  fragten bei den Einkehrstationen an und arbeiteten nach Schweizer Präzision einen Zeitplan aus. Alles war wie immer perfekt vorbereitet. Sieben Jahre Erfahrung sind mit eingeflossen. Am Samstag, 29. Juli ging es nun endlich los. Um 19 Uhr trafen die ersten Teilnehmer schon beim Kloster im schönen Münstertal ein. Es waren bekannte Gesichter dabei, die schon unsere 24-Stunden-Wanderung gemacht hatten. Neue Gesichter aus ganz Deutschland, die teilweise auch schon 24-Stunden Wandererfahrung hatten oder sich langsam ran tasten wollten. Aber auch Einheimische aus Staufen, die einfach Lust auf dieses Erlebnis in einer Gruppe Gleichgesinnter hatten. Die ganze Woche hatte es aus Kübeln geschüttet. Am Samstag aber zeigte sich der Schwarzwald von seiner allerschönsten Seite. Tagsüber warme 28 Grad, abends noch angenehme 20 Grad. Gegen 20 Uhr warf die Sonne im oberen Münstertal schon lange Schatten. Die Hügel um uns herum strahlten in saftigem Grün mit dem blauen Himmel um die Wette und in den Gesichtern der Teilnehmer waren Vorfreude und Anspannung gleichermaßen zu spüren.

Unser Premieren 12-Stunden Guide-Team bestand aus Annika, Kim und mir. Paddy hatte sich bereit erklärt die Organisation im Hintergrund zu übernehmen. Für uns alle etwas ungewohnt, da Sie eigentlich unsere Dauerläuferin ist. Auf ihre Hinweise und Tipps mussten wir so jedoch nicht verzichten. Um 20 Uhr ging es dann endlich los. Wir bogen in den schattigen Talweg ein und schraubten uns langsam aus Niederungen in die Höhe. Die Blicke in die vielen Seitentäler des Münstertals, auf die umliegenden Schwarzwaldberge und hinunter ins Rheintal begleiteten uns bis in die Dämmerung, die uns kurz vor dem Schauinsland ganz das Licht ausmachte. Fuchs und Hase verabschiedeten sich in die Nacht. Es war dunkel. Stockdunkel sogar, wie Annika sich später über mich lustig machte. Zwei kräftige Jungs aus Wehr haben sich etwas zurückfallen lassen und hielten so Sicherheitsabstand vor Jasmin, die zuvor klar machte, dass sie ihre Fitness hauptsächlich durch intensives Kickbox-Training bekommt. Unter uns flackerten die Lichter im Rheintal, über uns funkelten die Sterne und am Horizont war auch ein Wetterleuchten zu sehen. Es sollte uns aber nicht beeinträchtigen. Wieder einmal war der Wettergott ein Wanderfan. Vergellts Gott!

Kurz nach 23 Uhr standen wir vor der Almgaststätte am Haldenköpfle. Frau Winter hatte uns dort zu später Stunde mit ihrem Team erwartet und ein Wanderschlemmerbuffet vom Feinsten gezaubert. Kartoffelsuppe, Nudelsuppe, Säfte, Wasser, verschiedene Kuchen, Café und Tee sorgten dafür, dass alle frisch gestärkt wieder in die Nacht eintauchen konnten. Einige saßen auf der Terrasse, auf der es noch immer angenehm warm war. „Jörg, gibt es hier Übernachtungsmöglichkeiten“ wurde ich angesprochen? Ich grinste nur. Nein, wir gehen gleich weiter! Nach einer Stunde Pause streiften wir uns eine Jacke über, schulterten unsere Rucksäcke, und zogen weiter in die Nacht. Vom Haldenköpfle ging es in Richtung Notschrei. Fünf Teilnehmer aus Wehr, die Ende Juli normalerweise ihr Dorf nicht verlassen, um das alljährliche Laubenfest zu feiern, waren in eifrigem online Kontakt mit gefühlt allen Festbesuchern in Wehr. Bis irgendwann die Netzverbindung abgebrochen ist und das Laubenfest nun endgültig ohne sie stattfinden musste. Winfried, der aus dem Allgäu angereist war, hatte schon erste Ermüdungserscheinungen. Sie sollten die nächsten Stunden anhalten. Genau wie sein Wille die Wanderung bis zum Ende durchzuziehen. Egal was kommt.

Es begann die Zeit der Geschichten. Jeder hatte seine eigene und einige davon wurden erzählt. Andrea erzählte von ihrem Job in einer Gin-Destillerie. Wir erfuhren wie der Monkey zu seinem Affen kam und sogar fünf Zutaten der 47 konnten wir erraten.

Vor mir hörte ich von der 24-Stunden-Wanderung vom Edersee, die ein Teilnehmer schon mehrmals absolviert hatte. Dort gab es gleich zu Beginn der Wanderung eine Fahrt mit dem Schiff über den See inkl. Frühstück. Gewässer hat der Schwarzwald leider nicht viele zu bieten. Wir müssen Laufen.

Eine Geschichte hatte mich ganz besonders beeindruckt. Weil er nachts sowieso nicht richtig schlafen kann, entschied sich ein Teilnehmer die Nacht mit uns durchzuwandern. Es gibt kreative Lösungen und pragmatische Lösungen, denke ich mir und hatte dabei großen Respekt, wie positiv er seine gesundheitlichen Probleme anging. Die Schlafstörungen waren, wie ich später erfuhr, sein kleinstes Problem.

Vom Notschrei ging es schnurstracks in Richtung Wiedener Eck. Ein Schlenker über Ungendwieden und den Rüttener Höhenweg brachte uns mitten in der Nacht in Kontakt mit verschiedenen Festen, die im Tal unter uns stattfanden. Wir hörten Helene Fischer trällern, atemlos durch die Nacht, bis der neue Tag erwacht. Es sollte auch unser Motto werden. Kurz vor dem Wiedener Eck breitete sich ein faszinierender Sternenhimmel über uns aus. Wir machten für eine kurze Zeit die Stirnlampen aus und hielten inne. Ein Moment den jeder für sich ganz alleine genoss. Der Wind war still, die Temperaturen angenehm warm und der Weg das Ziel. Am Wiedener Eck wartete Patricia mit einem Nusszopf und Tee genau zur richtigen Zeit. Es war 3.15 Uhr. Eigentlich wollte keiner absitzen, aber Pause muss sein. Auch bei einer 12-Stunden-Wanderung muss es genügend Pausen zu Erholung geben. Vor allem hier, als nächstes stand nämlich der Anstieg zum Belchen auf dem Plan. Annika übernahm die Führung und ging nach der Stärkung und kurzem Powernap in gemächlichem, aber gleichmäßigem Tempo, die Strecke zum Belchen an. Bis zur Krinne ging es auf wurzeligen Pfaden noch sanft bergauf. Ab dann wurde es steil. Die Dämmerung brach herein, um uns herum wurde es langsam wieder hell. In Serpentinen schraubten wir uns zum Belchengipfel, den wir erschöpft aber glücklich fünf Minuten vor dem Sonnenaufgang erreichten. Alle genossen diesen Moment der Wärme, das faszinierende Naturschauspiel, den Lohn der Anstrengungen der Nacht. 10 Stunden lagen hinter uns. Winfried genoss diesen Moment ganz intensiv mit der Entschlossenheit, jetzt auch noch die letzten zwei Stunden hinter sich zu bringen. Aber erst wartete noch das Frühstück auf uns.

Um 6.20 Uhr herrschte schon reger Betrieb im Belchenhaus. Fleißige Bienchen sorgten mit einem großen Buffet für unser leibliches Wohl. An den Tischen hing jeder seinen Gedanken und den Anstrengungen der Nacht hinterher. Es  wurde ruhig bei Café, Tee, Brötchen, Marmelade, Käse, Schinken, Eier, Obst und vielen anderen Leckereien. Vor dem Belchenhaus kamen Radfahrer an, die sich an diesem Tag von Heitersheim aus auf alle drei Belchen in der Region quälen wollten. Warum tut man sowas, fragten wir sie. Warum wandert ihr 12-Stunden, war die Gegenfrage. Eine Antwort hatte keiner. Plötzlich, kurz vor 7 Uhr ein Aufschrei. Wir müssen weiter! Puh. Warum? Wie lange noch? Noch eine Stunde lag vor uns. Es wurden zwei. Wir genossen den Abstieg nach Aitern mit Blasen an den Füßen, der Müdigkeit im Nacken, Schmerzen in den Oberschenkeln, faszinierenden Ausblicken in das Obere Wiesental und dem Gewissen, auch dieses Abenteuer irgendwann geschafft zu haben. Gemeinsam mit allen Teilnehmer entschieden wir die Zeit einfach Zeit sein zu lassen und die letzten Kilometer nicht in Hektik zu verfallen. Die Erlösung kam im Ziel. Paddy erwartete uns an der Wassertretstelle in Aitern mit Schnaps und einem Strahlen im Gesicht. Einige sprangen gleich in das kühle Wasser. Andere waren den Tränen nahe und genossen den Sieg gegen ihren inneren Schweinehund im Hintergrund für sich alleine. Kathrin freute sich nun endlich Ihre Nachtwanderung gemacht zu haben. Winfried war müde, seine Beine schmerzten. In den Augen aber sah man den Stolz, den er sich verdient hatte. Es brauchte dafür keine Worte. Eines hatten alle nach 13 Stunden, 35 Kilometern und über 1.100 Höhenmetern gemeinsam. Den Stolz etwas getan zu haben, das man heute Komfortzone verlassen nennt. Warum tut man sowas? Keiner hatte spontan eine Antwort. Aber fast alle waren sich einig. Wir würden es wieder tun!

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